Der Film

Hagenberg

 Die Geschichte der Stadt Hachenburg im Westerwald

Große geschichtliche Ereignisse beschränken sich nicht allein auf die heutigen Ballungsgebiete oder Großstädte und auch nicht auf die Fakten aus dem Geschichtsunterricht. Gerade die Geschehnisse in den ländlichen Regionen prägen die Entwicklung der heutigen Infrastruktur, bestimmen bis ins Kommunikationszeitalter hinein konfessionelle Zugehörigkeiten und bestimmen sogar das Landschaftsbild. Immer sind es Menschen gewesen, die etwas bewirkten, Menschen, die einst gelebt haben, die Gefühle hatten, die von einer besseren Zukunft träumten und ihren Idealen folgten. Diesen Menschen setzt der Hagenberg-Film am bewegenden Beispiel Hachenburgs ein Denkmal. Eine Stadt, die ohne ihre Menschen und ohne ihre dramatische Geschichte heute mit Sicherheit ganz anders gewesen wäre.

Die Dreharbeiten zum abendfüllenden Dokumentarfilm Hagenberg bilden ein Projekt, das 500 Menschen der Gegenwart aus der Westerwaldregion und darüber hinaus bei der Arbeit am Set verbindet. Keinesfalls soll es sich um eine Dokumentation handeln, die quälende Minuten lang trockene Texte bebildert. Deshalb werden mit aufwändig inszenierten gespielten Szenen viele Abschnitte der Geschichte quer durch die Jahrhunderte lebendig dargestellt.  Alle Akteure sind Laien, für die meisten ist die Arbeit am Set eine völlig neue Erfahrung. Die Mitwirkenden sind aber mit so viel Herzblut und Geduld dabei, dass die bereits abgedrehten Szenen im Ergebnis durchaus professionelle Qualitäten aufweisen.

 Die Handlung:

1182 bietet ein winziges Dorf im Rothbachtal Unterkunft, Herberge und Gottesdienst an der Köln-Leipziger Handelsstraße. Dort wird eine Burg auf dem Hagenberg als Grenzbefestigung des Sayn’schen Hoheitsgebietes errichtet. Um die Zerstrittenheit mit benachbarten beizulegen, war es im Spätmittelalter noch immer üblich, den Streit durch eine Blutsverbindung zu schlichten. 1215 heiratet Heinrich III. deshalb Mechthild von Landsberg, ehe er an den Kreuzzügen teilnimmt. Obwohl Heinrich III. unter dem Einfluss Mechthilds mehrere Klostergründungen, darunter auch die Zisterzienser Abtei Marienstatt, ermöglicht, beschuldigt ihn der Großinquisitor Konrad von Marburg der Ketzerei. Nur durch einen Trick übersteht Heinrich III. das Synodalgericht und rächt sich 1233 an Konrad. Dieser war Vormund der heiligen Elisabeth von Thüringen aus deren Nachkommenschaft der junge Gottfried II. stammt. Gottfried II. wird Mitregent der Civitas am Hackenberg, der König Ludwig der Bayer 1314 die Stadtrechte verleiht. Das Selbstverwaltungsrecht der Stadtbürger ist keine großmütige Gabe, sondern politisches Kalkül. Im Streit um die Thronfolge braucht Ludwig Verbündete.

Von Frohndiensten befreit entrichten die Stadtbürger gerne ihren Obulus an die Regentschaft und bringen Hachinberg zur wirtschaftlichen Blüte. Um die wachsende Konkurrenz einzudämmen, entsteht das Zunftwesen nach eigenen strengen Regeln. Aufstiegschancen jedoch gibt es für die Gesellen fast nicht.

Es entstehen Gerbereien, Wälder werden gerodet, Hachenburger Münzen geprägt. Die Stadt wird berühmt für die Herstellung präziser Armbrüste, jeder Stadtbürger hat Tiere und Waffen im Haus. Das Schützenfest wird ab 1474 groß gefeiert. Bei Regelverstößen drohen harte Strafen. Schwerverbrechen werden vom „Peinlichen Blutgericht“ bestraft. Die Beziehungen zum benachbarten Kloster Marienstatt laufen sehr gut, bis 1561 Graf Adolph die Hachenburger per Edikt zwingt, zum Lutheranerglauben zu konvertieren. Geistliche Wertgegenstände in Marienstatt werden von Adolph gepfändet, Feiertage aufegehoben, Opportunisten bestraft. Die Stadt Hachenburg schrumpft. 1605 kommt es noch schlimmer, als der fanatische Graf Wihelm plötzlich unter Zwang den calvinistisch reformierten Glauben einführt.

Die einzelnen Grafschaften und kommunalen Verwaltungen schotten sich im Zuge der konfessionellen Streitigkeiten immer mehr voneinander ab, die Stimmung wird immer feindseliger, bis 1618 der 30-jährige Krieg ausbricht. 1623 marschieren Truppen aus Schleswig-Holstein in Hachenburg ein und beziehen fünf Monate lang Quartier. Sie verwüsten und plündern die Stadt, demütigen die Bewohner. Kaum dass die Holsteiner abgezogen sind, rückt auch schn das nächste Heer in die Stadt ein.

Graf Ernst hofft jetzt auf schwedische Hilfe, um die Plünderungen Hachenburgs zu stoppen. Das schwedische Heer besetzt und sichert Hachenburg, bis die Schweden 1634 bei Nördlingen vernichtend geschlagen werden. Die schwedische Besatzung in Hachenburg beginnt zu vandalieren, wohlwissend, dass sie die Region nicht halten werden.

Jetzt erlebt Hacheburg das Grauen: Raub und Vergewaltigung in den Gassen, die vor Kot und Unrat geradezu triefen, nehmen ebenso überhand, wie die Ratten, die sich rasend schnell vermehren. Zu allem Übel bricht die Pest aus, die ebenso wie die rote Ruhr hundertfach ihre Opfer fordert. Der Wohlstand der Hachenburger ist vollständig dahin. In all der Verwüstung ziehen osnabrückische Soldaten unter Bischof Franz Wilhelm auf und belagern die stark angeschlagene Stadt, hungern die verwitwete Gräfin Loysa aus. Da Frauen kein Erbrecht haben, beansprucht der Bischof das Lehen Hachenburg für die Herren von Wartenberg, doch Loysa setzt sich bei Kriegsende für den Anspruch ihrer Töchter durch. In Teilungsverträgen werden Sayn-Hachenburg und Sayn-Altenkirchen voneinander getrennt. Ernestine erhält die Rechte über Hachenburg, muss aber im Gegenzug den Grafen Salentin-Ernst von Manderscheid-Blankenheim heiraten.  Der Stadtrat pocht auf seine Stadtfreiheiten und protestiert, als der neue Graf Salentin-Ernst die absolutistische Herrschaft ausübt. Bei Todesstrafe untersagt Salentin-Ernst den Räten jeden weiteren Protest.

Der Höhepunkt des Leids ist aber noch nicht erreicht: Am 13. Oktober 1654 wird Hachenburg durch ein gewaltiges Feuer zerstört. Salentin-Ernst nutzt die Katastrophe für den Bau eines Franziskanerklosters am Alten Markt, um die Rekatholisierung voranzutreiben.

Nach den Bränden, der Pest und dem 30-jährigen Krieg ist die Bevölkerung Hachenburgs extrem stark dezimiert. Der entvölkerte Westerwald wird unter Zwang mit Familien aus dem Kurkölner Raum neu besiedelt. Die meisten historischen Gebäude der Gegenwart stammen aus dieser Zeit.

Nach der erbrechtlichen Machtübernahme des Grafen Kirchberg 1715 wird das Hachenburger Schloss auf de Fundamente der abgebrannten Burg mit verschwenderischen Mitteln errichtet. Die ständigen militärischen Auseinandersetzungen sorgen weiterhin nahezu kontinuierlich für Truppendurchmärsche oder Besetzung in Hachenburg. Während der französischen Revolutionskriege kommt es im September 1796 zu einer schrecklichen Steigerung, als 40.000 Soldaten die Hachenburger brutal ausplündern.

1799 stirbt die erbberechtigte Grafenlinie aus. Hachenburg fällt als Erbe an das Herzogtum Nassau und wird 1815 Amtssitz. Schlossanlage und Burggarten beginnen zu verwahrlosen. 1813, im Zuge der Säkularisierung, wird das Franziskanerkloster am Alten Markt ebenso wie das Kloster Marienstatt geschlossen. Die Postkutsche fährt nur selten durch Hachenburg. Die einstige Residenzstadt wird zur stillen Provinz. Die Zünfte halten der Industrialisierung nicht stand, die Wirtschaft stagniert, Missernten führen zu Hungersnöten. Einige Hachenburger geben alles auf, um ihr Glück anderswo zu suchen und wandern nach Amerika aus.

1866 fällt das nassauische Hachenburg an Preußen. Viele Hachenburger heroisieren die Armee und verkörpern uniform ihren Stolz und die Liebe zum Vaterland. Das Ende des deutsch-französischen Krieges wird 1871 auf dem Alten Markt mit feierlicher Enthüllung des Kriegerdenkmals wie ein heldenhafter Sieg gefeiert. Die Pflanzung der Friedenslinde vor der Schlosskirche geht einher mit Salvenschüssen. Ein wichtiges Stadtfest wird der Sedanstag.

Immerhin:  Erstmals besinnen sich die Menschen auf ihre Freizeit, Weihnachten wird gefeiert, Vereine werden gegründet. Ab1885 wird Hachenburg an das Bahnnetz angeschlossen. Die Straßen werden mit dem Aufkommen des Automobils ausgebaut und befestigt. Seit Juni 1902 werden Wasser- und Kanalrohre verlegt. Graf Alexander wird Mitbegründer und Förderer zahlreicher Vereine und lässt den ersten Tennisplatz bauen. Bis 1910 belegt Arthur Henney vordere Plätze bei internationalen Autorennen. Nach einem tragischen Autounfall nahe Hachenburg jedoch verlässt er seine Heimat und seine Leidenschaft traumatisiert.

Hachenburg wird immer schöner: 1908 wird der Kirchturm der katholischen Kirche errichtet. 1911 wird die Gauturnhalle mit einem großen Fest eingeweiht. Die Selbstüberschätzung und der fanatische Patriotismus brachte viele Hachenburger im 1. Weltkrieg dazu, sich freiwillig zur Front zu melden. Das groß geplante 600-Jahresfest der Stadt, zu dem im August 1914 sogar ein Luftschiff kommen sollte, fällt aus.

In der Weimarer Republik gewinnt die rechtsextreme Gruppe „Stahlhelm“ viele Mitglieder und kooperiert mit den Nazis. Der Hachenburger Nazi Adolf Haas entmachtet 1933 Dr. Stollenwerk, der zunächst durch Karl Scheyer und später durch Adolf Vollmann ersetzt wird. Im Stadtrat fordert Haas eine Umbenennung der Judengasse, der Leipziger Straße und des Judenfriedhofsweges. In den Schaufenstern der Innenstadt steht auf Schildern „Juden nicht erwünscht“ und „Kauft nicht beim Juden“. Im Zuge der Reichspogrome werden die jüdischen Mitbürger in Hachenburg massiv bei einem Straßenauflauf gedemütigt, die Synagoge wird zerstört. 

Bis 1940 haben alle Juden Hachenburg verlassen. Viele davon kommen später im Konzentrationslager um. Haas wird versetzt als Leiter verschiedener Lager. Im KZ Bergen-Belsen werden unter seiner Leitung mehr als 1700 Juden ermordet. Wegen Führungsschwäche muss Haas zuletzt an die Front, wo er 1945 unbestätigt ums Leben kommt.

Nach dem Stauffenberg-Attentat werden alle Politiker der Weimarer Republik bei der Aktion Gitter von den Nazis verfolgt. Der spätere Kanzler Konrad Adenauer sucht Zuflucht auf der Nistermühle, wo er von der Gestapo verhaftet wird, während die V2 Stellungen zwischen Gehlert und Hachenburg Antwerpen unter Raketenbeschuss nehmen. In der Zentrale der Alliierten wird man auf die „Wunderwaffe“ bei Hachenburg aufmerksam. Bei Bombenangriffen wird Hachenburg mehrfach getroffen. Tiefflieger schießen auf den umliegenden Feldern auf alles, was sich bewegt.

Als die Amerikaner Hachenburg erreichen, haben sich die Nazispitzen bereits abgesetzt. Lammfellfabrikant Paul Preisser heißt die US-Soldaten in Hachenburg willkommen und verhindert eine Eskalation.

Nach dem Krieg wird Hachenburg Französische Zone. Die Franzosen beziehen Quartier in der Villa Pickel.

In einer ehemaligen Jugendherberge am Rothenberg öffnet 1946 das neue Krankenhaus seine Pforten mit kreisrundem Operationssaal, das ständig erweitert und 1963 Kreiskrankenhaus wird. Seit 1993 ist es in Trägerschaft der DRK.

1952 und 1953 veranstaltet der Ortsclub des ADAC das Westerwald-Bergring-Rennen für Motorräder mitten durch Hachenburg hindurch. Am 1. Weihnachtstag 1952 sorgt die Firma E. Hummerich technisch dafür, dass die Hachenburger erstmals das Fernsehprogramm von 20 bis 22 Uhr empfangen können. Der Einmarsch der Haushaltsgeräte verändert die Lebensgewohnheiten. Es entstehen verschiedene Freizeiteinrichtungen, unter anderem 1966 das Rex-Kino im Café Roth, wo 1972 auch eine Disco eingerichtet wird. 1960 wird der Gewerbeverein gegründet, dessen Vorläufer, der Handel- und Gewerbeverein, 1933 von den Nazis, wie alle Vereine, aufgelöst wurde. Aus den Anfängen wird 1970 der Werbering, der sich noch aktiver für die Wiederbelebung der wirtschaftlchen Interessen einsetzt. Die Neubaugebiete Rothenberg und Siedlung beginnen zu wachsen.

Das Dorf Altstadt wird bei einer Vewaltungsrefom 1970 eingemeindet. Ein Jahr später wird die Verbandsgemeinde Hachenburg gegründet.

Das Schloss, das seit 1946 zu Rheinland-Pfalz gehört, ist dringend sanierungsbedürftig. Die Hachenburger sind froh, als die Schloss Hachenburg GmbH das Schloss privat instant setzt und zum Hotel ausbaut. Angesichts der Situation moniert niemand, als historisch wertvolle Relikte, wie zum Beispiel eine der beiden Barocktreppen, herausgerissen werden. 1974 geht die Schloss GmbH konkurs, sehr viele Artefakte aus dem Heimatmuseum, das im Schloss untergebracht ist, gehen verloren und bleiben bis heute verschollen. 1976 wird im Burggarten das Landschaftsmuseum gegründet.

Der heutige Ehrenbürger Dr. Emde rettet die Lage am Schloss, indem er die Deutsche Bundesbank erfolgreich überzeugt, in dem Schloss die Fachhochschule der Deutschen Bundesbank unterzubringen.

Mitte der 90er entwickelt sich das Stadtmarketing zum Erfolgsgaranten. Der Stadtkern wird mit großzügigen Förderprogrammen in Millionenhöhe saniert, die Hachenburger KulturZeit sorgt mit themenbezogenen Burggartenfesten für Furore. Die Innenstadt wird kontinuierlich belebt. Die großen Stadtfeste wie Katharinenmarkt und Kirmes werden vom Werbering unter anderem mit Löwenfest und Weihnachtsmarkt ergänzt. Der Touristik-Service wird professionalisiert.

Zunehmende Landflucht der jüngeren Generationen führt zu einem verstärkten Wettbewerb der Kommunen. Die KulturZeit glänzt mit Treffpunkt Alter Markt und gigantischen Stadtfesten von hohem kulturellen Wert. Die Westerwald Brauerei fördert die touristische Zusammenarbeit und bringt eigene Großveranstaltungen auf den Weg. Die Stadtkernsanierung erreicht mit der Einweihung des Vogtshofes 2011 ihren Höhepunkt.

Der Zusammenhalt der Hachenburger zeigt sich auch in der Gegenwart unter anderem durch die Auszeichnung mit dem touristischen Q-Zeichen, als erste zertifizierte Qualitätsstadt in Rheinland-Pfalz.

Die Einrichtung eines Jugendparlaments wirkt der Landflucht und der Politikverdrssenheit entgegen. Menschen aus rund 50 Nationen haben heute ihre Heimat in Hachenburg gefunden.

Jetzt gilt es, alle Menschen mit ins Boot zu holen und gemeinsam Geschichte zu schreiben.

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